Badische Zeitung am 12.7.2003:
»Hier atmet es sich anders. Hier ist nichts zu spüren von der Betriebsamkeit, die einen Markt erfasst hat, der von Bestseller zu Bestseller hetzt. Natürlich hat hier nicht der neue Harry-Potter-Band gelegen. Es liegt hier ohnehin kaum etwas. Bücher, die etwas auf sich halten, haben in Regalen zu stehen, aufrecht und würdig nebeneinander, vielleicht haben sie sich etwas zu sagen, in Stapeln auf Paletten geschichtet bleiben sie stumm, beziehungslos, Quantität, nicht Qualität, mit anderen Worten: pure Ware. Nein, Bestseller wird man in der Freiburger Buchhandlung "Zum Wetzstein" vergeblich suchen. Es sei denn, es handelt sich um das seit Elke Heidenreichs Büchersendung erstaunliche Ereignis, dass ein literarisch anspruchsvolles Buch wie Undine Gruenters Erzählungen "Sommergäste in Trouvüle" auf den Listen der meistverkauften Bücher erscheint.
Thomas Bader, 61, seit 25 Jahren Inhaber des Geschäfts in der Salzstraße 31, will sich unterscheiden. "Nur kein Mainstream!" Das Ausrufezeichen möge man bitte mitdenken. Baders Buchhandlung entspringt einer Haltung, keinem Kalkül. Er umgibt sich nur mit Büchern, die er auch selbst liest oder lesen würde. Literatur, Kunst, Philosophie: Der Kernbestand der geistesgeschichtlichen Überlieferung. Seine "ideale Form" ist die verkäufliche Privatbibliothek.
Das Bleibende und das Neue treten in einen Dialog. Wenn man den Blick über die dunklen Holzregale mit den im hinteren Teil des Ladens zunehmenden Gesamtausgaben schweifen lässt die komplette Bibliothek des Deutschen Klassiker Verlags, in Leinen und in rotem Leder, wo gibt es das sonst! , so muss man zugeben, dass der Buchhändler seine Vorstellungen perfekt umgesetzt hat. Selbst in Hamburg und Berlin, sagt Susanne Bader, Mitinhaberin und demnächst Mitarbeiterin der Literaturagentin Karin Graf, gebe es nichts mit "Zum Wetzstein" Vergleichbares, keinen Verkaufsort für Bücher, an dem das Bleibende und das neu Erschienene und auch von diesem nur das, was nach Einschätzung des Buchhändlers Aussicht hat zu bleiben in einen Dialog gebracht werden, ohne den, das ist wohl wahr, bald die Kriterien fehlten für die Bewertung des Neuen. Daran ist Herbert Placzek nicht unschuldig. Mit ihm, dem ehemaligen Lektor des Aufbau-Verlags und, so Bader, "ungemein belesenen" Bibliothekar, hat sich Thomas Bader 1978 am 14. Juli in den Räumen der ehemaligen Buchhandlung Ehrmann niedergelassen. Nach Placzeks frühem Tod 1991 hat sein Kompagnon die Buchhandlung zum geschmackvollen Gesamtkunstwerk mit Grafikkabinett und Antiquariat gestaltet. Schwellenangst beim Publikum mag angesichts von faksimilierten Autographen und kostbaren Sonderbänden im Schaufenster, angesichts auch einer beispiellosen Auswahl von Heideggeriana durchaus aufkommen.
Doch das Ehepaar Bader setzt ohnehin nicht auf Laufkundschaft. Das Äquivalent zur Bibliothek ist der Stammkunde. Der ist in der Regel akademisch gebildet und entstammt dem gehobenen Bürgertum, das es in Freiburg ja immer noch gibt. Ohne die Stammkunden, manche auch von weither, könnte Bader "Zum Wetzstein" zumachen. Der Stammkunde weiß, daß er sich auf seinen Buchhändler und dessen sechs Mitarbeiter verlassen kann. Nichts ist Thomas Bader wichtiger. Dass ihm diese Kundschaft wegbrechen könnte, sorgt ihn nicht. Es fänden erstaunlich und erfreulich viele junge Leute Gefallen an einem Konzept, das "keine Zugeständnisse an den Zeitgeist" macht. Ironie des ökonomischen, nonkonformen, wachstumsresistenten, sich dem Einerlei der Warenwirtschaft widersetzenden Verhaltens: Es zahlt sich aus. "Zum Wetzstein" wird absehbar eine Insel der Bücherseligen bleiben.
Bettina Schulte
Buchhandlung zum Wetzstein GmbH
Geschäftsführer: Thomas Bader
Gesellschafter: Susanne und Thomas Bader
Eingetragen im Handelsregister Freiburg HRB 1658
Salzstrasse 31 am Augustinerplatz 79098 Freiburg
Telefon 0761 33999 Telefax 0761 39280
Internet www.buch-wetzstein.de